«Ich kann das eh nicht» wie Kinder mit ADHS wieder Vertrauen in sich finden

Selbstvertrauen von Kind mit ADHS wird gestärkt

„Ich kann das eh nicht.“ Von diesem Satz erzählen mir Eltern oft in meinen Coachings, ich höre ihn in der Schule von Schüler und Schülerinnen, aber auch von meinen eigenen Kindern kenne ich ihn. Manchmal geht es um die Hausaufgaben, manchmal ums Lesenüben, ums Zeichnen oder Schuhebinden.

Kinder mit ADHS erleben im Alltag oft, dass etwas trotz ihrer Mühe nicht klappt. Wenn sich solche Erfahrungen häufen, kann ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten darunter leiden.»

Meistens reagieren wir Erwachsenen dann mit Zuspruch: „Doch, du kannst das, probier’s einfach!“ Das ist lieb gemeint, hilft aber selten, und manchmal zieht sich das Kind danach noch mehr zurück oder wird wütend.

In diesem Beitrag möchte ich dir zeigen, was hinter dem Satz „Ich kann das eh nicht“ steckt, was der Psychologe Albert Bandura dazu herausgefunden hat und wie du dein Kind im Alltag begleiten kannst.

„Ich kann das eh nicht“

Hinter diesem Satz steckt oft mehr als fehlende Motivation. Vielleicht hat dein Kind schon oft erlebt, dass etwas nicht geklappt hat. Vielleicht ist die Aufgabe gerade zu schwierig oder es hat nach einem langen Tag keine Energie mehr. Es lohnt sich deshalb, zuerst hinzuschauen: Was macht es deinem Kind gerade schwer?

Kinder mit ADHS erleben im Alltag immer wieder solche Schwierigkeiten: Sie sitzen lange an einer Aufgabe und werden trotzdem nicht fertig, müssen einen Text mehrmals lesen, um ihn zu verstehen, oder wissen bei einer Aufgabe nicht, wie sie anfangen sollen. Vielleicht hören sie dann auch noch: „Das ist doch ganz einfach.“ Jede dieser Erfahrungen kann eine kleine Spur hinterlassen, bis das Kind irgendwann fest damit rechnet, dass es wieder schiefgeht.

Was ADHS genau ist und wie es sich im Alltag zeigt, liest du in meinem Beitrag Kind mit ADHS: Ursachen, Symptome und was im Alltag helfen kann

Der Psychologe Albert Bandura hat dafür einen Begriff geprägt: die Selbstwirksamkeitserwartung. Gemeint ist das Vertrauen, eine Aufgabe mit den eigenen Fähigkeiten bewältigen zu können. Also ob sich ein Kind eine Aufgabe überhaupt zutraut, wie viel Anstrengung es hineinsteckt und wie lange es dranbleibt, wenn es schwierig wird. Dieses Vertrauen wächst besonders durch eigene Erfolgserlebnisse. Auch mit Unterstützung kann dein Kind erleben: «Du hast mir beim Anfang geholfen. Danach habe ich selbst weitergemacht.» Aufmunternde Worte können dabei helfen. Noch überzeugender ist die Erfahrung, selbst einen Schritt geschafft zu haben.

Woher das Vertrauen in sich selbst kommt

Wenn wir über ADHS und Selbstvertrauen sprechen, hilft ein Blick darauf, wie dieses Vertrauen überhaupt wächst. Bandura beschreibt vier Quellen, aus denen Kinder (und auch wir Erwachsenen) ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schöpfen. Ich finde sie für den Familienalltag sehr hilfreich, weil sie zeigen, wo wir ansetzen können.

1. Eigene Erfolgserlebnisse

Die stärkste Quelle sind eigene Erfolgserlebnisse. Wenn ein Kind eine Aufgabe schafft, die ihm schwierig vorkam, erlebt es: „Ich habe mir das zuerst nicht zugetraut. Aber ich habe es geschafft.“ Wichtig ist, dass dein Kind merkt, was es selbst dazu beigetragen hat. Auch mit deiner Unterstützung kann es einen echten Erfolg erleben: „Du hast mir beim Anfang geholfen. Danach habe ich selbst weitergemacht.“

2. Vorbilder

Kinder lernen auch, indem sie anderen zuschauen. Sieht ein Kind, wie jemand, der ihm ähnlich ist, etwas Schwieriges schafft, denkt es eher: „Das könnte ich vielleicht auch.“ Besonders wertvoll ist es, wenn dieses Vorbild sich auch einmal schwertut, Fehler macht und trotzdem weitermacht. Das kann ein Geschwister sein, eine Freundin oder auch du selbst.

3. Ermutigende Worte

Zuspruch von aussen kann helfen, wirkt aber viel schwächer, als wir oft denken. Er trägt vor allem dann, wenn er glaubwürdig ist und das Kind kurz danach auch erlebt, dass es stimmt. Ein „Du schaffst das!“, auf das eine überfordernde Aufgabe folgt, kann das Misstrauen sogar verstärken.

4. Was der Körper spürt

Die vierte Quelle ist die, die mich als Coachin am meisten beschäftigt. Kinder deuten ihre körperlichen Empfindungen. Ein Kloss im Hals, ein flaues Gefühl im Bauch oder Herzklopfen vor einer Aufgabe werden schnell zu „Ich bin schlecht darin“. Fühlt sich ein Kind dagegen ruhig und sicher, traut es sich viel mehr zu.

Warum das Nervensystem so wichtig ist

Hier knüpfe ich an Banduras vierte Quelle an. Wenn ein Kind schon viele enttäuschende Erfahrungen gemacht hat, kann allein der Gedanke an eine Aufgabe Anspannung auslösen.

Vielleicht wird es unruhig, zieht sich zurück oder möchte gar nicht erst anfangen. Unter Stress fällt es oft schwerer, sich zu konzentrieren und dranzubleiben.

Daraus kann ein Kreislauf entstehen: Das Kind erwartet Misserfolg, wird angespannt und hat dadurch noch mehr Mühe mit der Aufgabe. Wenn sie dann nicht gelingt, fühlt es sich in seiner Erwartung bestätigt. Deshalb schaue ich in meinen Coachings zuerst: Was braucht das Kind gerade, damit es sich auf einen kleinen nächsten Schritt einlassen kann?

In meinen Coachings unterstütze ich Kinder mit ADHS dabei, sich sicher zu fühlen und wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu finden.

ADHS und Selbstvertrauen: Wie du dein Kind stärken kannst

Zuerst ankommen lassen

Bevor es um die Aufgabe geht, schau zuerst, wie es deinem Kind gerade geht. Ist es bereit anzufangen oder braucht es noch etwas? Du kannst fragen: „Wie geht es dir gerade mit dieser Aufgabe?“ Vielleicht hilft eine kurze Pause, etwas Bewegung oder dass du dich dazusetzt. Schaut gemeinsam, was den Einstieg erleichtert.

Den nächsten Schritt klein machen

Mach den nächsten Schritt so klein, dass er für dein Kind machbar erscheint. Bei Bedarf mit deiner Unterstützung, zum Beispiel nur die erste Rechnung, nur einen Satz lesen oder nur einmal ums Haus fahren. Ein echter kleiner Erfolg bewirkt mehr als jedes „Du schaffst das!“. Bandura hat das zusammen mit seinem Kollegen Dale Schunk in einer Studie gezeigt: Kinder, die in Mathe Schwierigkeiten hatten, bekamen entweder kleine Ziele für jede Übungseinheit oder nur ein grosses Ziel für das ganze Übungsheft. Die Kinder mit den kleinen Zwischenzielen kamen besser voran, trauten sich mehr zu und hatten am Ende sogar mehr Freude an Mathe. Statt „Heute lernst du alle Wörter“ darf es also heissen: „Jetzt schauen wir mal die ersten fünf an.“

Selbst wählen lassen

Wenn ein Kind mitentscheiden darf, womit es anfängt oder wie es eine Aufgabe angeht, erlebt es sich stärker als handelnde Person. Schon die Wahl zwischen zwei Aufgaben kann den Einstieg erleichtern.

Schritt für Schritt Unterstützung zurücknehmen

Bandura beschrieb dieses Vorgehen als „gelenkte Meisterung“. Am Anfang hilft der Erwachsene viel, dann wird die Unterstützung nach und nach zurückgenommen, soweit das Kind dazu bereit ist. Überlass deinem Kind die Schritte, die es schon selbst bewältigen kann, und hilf dort, wo es dich noch braucht. So kann es erkennen, was ihm selbst gelungen ist.

Anstrengung und Strategie benennen

Wenn etwas gelungen ist, benenne, was dein Kind selbst dazu beigetragen hat. Statt „Super gemacht!“ kannst du sagen: „Du hast weitergemacht, obwohl es schwierig war» oder „Du hast einen anderen Weg ausprobiert.“ So verbindet dein Kind den Erfolg mit seiner eigenen Kraft. Mit der Zeit darf auch dazukommen: „Du wirst richtig gut darin.“

Mit sich selbst vergleichen

Vergleiche mit Geschwistern oder Freunden schwächen das Vertrauen schnell, gerade bei Kindern mit ADHS, die sich ohnehin oft als „anders“ erleben. Hilfreicher ist der Blick auf den eigenen Fortschritt: „Letzte Woche hast du dafür noch viel länger gebraucht.“

Warum Kritik bei Kindern mit ADHS oft besonders tief trifft, erkläre ich im Beitrag über Ablehnungssensibilität

Selbst Vorbild sein, auch wenn etwas schwierig wird

Schunk und seine Kolleginnen zeigten in einer Studie, dass Kinder mit Schwierigkeiten in Mathematik von Vorbildern profitieren können, die sich anfangs schwertun und dann Fortschritte machen. Du kannst das im Alltag ganz einfach vormachen, indem du beim Kochen, Basteln oder Ausfüllen eines Formulars laut denkst, wenn etwas nicht gleich klappt: „Hm, das ist schwierig. Ich probiere es nochmals langsam.“ Wenn dein Kind sieht, dass auch Erwachsene Schwierigkeiten haben und trotzdem dranbleiben, kann Scheitern weniger bedrohlich werden.

Eine Schatzliste anlegen

Hängt einen Zettel an den Kühlschrank, auf den ihr immer wieder einen Satz schreibt, was deinem Kind heute gelungen ist, obwohl es schwierig war. Lass dein Kind selbst erzählen und schreib seine Worte auf, zum Beispiel: „Ich habe allein mit den Rechnungen angefangen.“ Wenn wieder ein Tag kommt, an dem dein Kind am liebsten aufgeben möchte, schaut ihr gemeinsam darauf. So sieht dein Kind schwarz auf weiss, dass es mehr kann, als es gerade glaubt.

Auch in meinen Coachings sammeln die Kinder solche Schätze.

Zum Schluss

Vielleicht denkst du jetzt, das seien ganz schön viele Ideen. Du musst nicht alles auf einmal umsetzen. Such dir eine Sache aus, die sich für euch stimmig anfühlt, und probiere sie ein paar Wochen lang aus. Oft verändert schon ein kleiner Schritt mehr, als man zuerst denkt.

Sei dabei auch mit dir selbst geduldig. Es wird Tage geben, an denen dir trotzdem ein „Komm, du schaffst das doch!“ herausrutscht oder du selbst die Nerven verlierst, weil die Hausaufgaben schon wieder eine Stunde dauern, und das gehört zum Familienalltag einfach dazu. Auch für dich gilt, was für dein Kind gilt: Vertrauen wächst aus Erfahrungen, auch aus denen, bei denen nicht alles gleich klappt. Es lohnt sich deshalb auch, gut für dich selbst zu sorgen. Du musst dafür nicht immer ruhig bleiben. Auch du darfst mal einen schlechten Tag haben.

Wie diese Co-Regulation funktioniert und wie du sie im Alltag leben kannst, erfährst du in meinem Beitrag über Co-Regulation

Wenn dein Kind das nächste Mal sagt „Ich kann das eh nicht“, darfst du diesen Satz als Hinweis verstehen, dass es gerade Unterstützung braucht. Vielleicht helfen ihm deine Nähe, eine Pause oder ein kleiner, machbarer Schritt. Ich sehe in jedem Kind einen Schatz an Fähigkeiten, der manchmal unter vielen enttäuschenden Erfahrungen verborgen liegt. Mit Geduld, kleinen Schritten und deiner Begleitung kann dein Kind diesen Schatz nach und nach wieder entdecken.

Begleitung für dein Kind

Manchmal braucht es auf diesem Weg auch Unterstützung von aussen, und das ist völlig in Ordnung.

Wenn du merkst, dass dein Kind oft aufgibt, bevor es richtig angefangen hat, begleite ich euch gern. Im Coaching stärke ich dein Kind darin, seine eigenen Fähigkeiten zu entdecken und wieder mehr Vertrauen in sich selbst zu finden. In einem kostenlosen, unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, was ihr gerade braucht.

Wenn du mehr über Banduras Theorie lesen möchtest, findest du hier einen gut verständlichen Artikel der Universität Potsdam:

Selbstwirksamkeitserwartung

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