Einschlafen ist für viele Kinder mit ADHS jeden Abend eine echte Herausforderung und für ihre Eltern genauso. In diesem Beitrag erfährst du, warum das ADHS-Nervensystem abends so schwer zur Ruhe kommt, was die Situation oft zusätzlich erschwert und welche konkreten Schritte helfen können, damit der Abend nicht im Kampf endet.
Kennst du das?
Es ist 21:30 Uhr. Du bist erschöpft und müde und möchtest einfach nur noch deine Ruhe. Dein Kind sollte ebenfalls müde sein; eigentlich. Aber es liegt im Bett und redet, singt, ruft dich immer wieder. Es braucht noch Wasser, muss nochmal aufs WC, hat plötzlich tausend Fragen, die bis jetzt keine Rolle gespielt haben. Und du fragst dich vielleicht: Warum schlaft es nicht endlich ein?
Die kurze Antwort: Weil es das gerade wirklich nicht kann. Nicht, weil es nicht will und auch nicht, weil du etwas falsch machst, sondern weil das Nervensystem eines Kindes mit ADHS abends einfach anders funktioniert als das der meisten anderen Kinder.
Was im Nervensystem eines Kindes mit ADHS am Abend passiert
Wenn es dunkel wird, schüttet unser Körper Melatonin aus, das Schlafhormon. Es signalisiert dem Gehirn: Ruhe. Bei den meisten Kindern läuft dieser Prozess relativ zuverlässig ab. Bei Kindern mit ADHS ist dieser Rhythmus oft verschoben. Das Melatonin kommt später, manchmal deutlich später. Das Kind ist also nicht müde, wenn es müde sein sollte, obwohl es den ganzen Tag über gefordert war und eigentlich ausgepowert sein sollte.
Dazu kommt: Das ADHS-Nervensystem ist tagsüber in einem Dauerzustand erhöhter Aktivierung. Es verarbeitet mehr Reize, reagiert intensiver, ist ständig auf Empfang. Wenn der Abend kommt, kann dieses System nicht einfach auf Knopfdruck runterfahren. Es braucht Zeit und die richtige Art von Unterstützung.
Was am Abend passiert, ist paradox: Je müder das Kind wird, desto schwieriger wird die Regulation. Die Impulse werden stärker und die Gedanken schneller. Das Gehirn dreht nochmal richtig auf, genau dann, wenn du hoffst, dass endlich Ruhe einkehrt.
Was den Abend eskalieren lässt
Bevor ich über Lösungen spreche, lohnt sich ein Blick auf das, was die Situation oft verschlimmert, ohne dass irgendjemand schuld daran ist.
Zu viele Reize bis kurz vor dem Schlafen. Bildschirme, laute Gespräche, Geschwisterstreit, schnelle Aktivitäten. All das hält das Nervensystem in Alarmbereitschaft. Auch wenn das Kind danach ins Bett geht, ist das System noch Minuten oder Stunden auf Hochtouren.
Druck und Kontrolle. „Jetzt schlaf endlich!“ wirkt für uns logisch. Für ein Kind mit ADHS ist es ein weiterer Reiz und löst oft das Gegenteil aus. Widerstand, Aufregung, Tränen.
Unregelmässige Abläufe. Das ADHS-Gehirn liebt Vorhersehbarkeit. Nicht als Selbstzweck, sondern weil Vorhersehbarkeit Sicherheit gibt und das Nervensystem beruhigt. Wenn jeden Abend etwas anderes passiert, bleibt das System in Bereitschaft
Die eigene Erschöpfung der Eltern. Du bist am Ende des Tages auch nicht mehr auf dem Höchststand. Das ist völlig verständlich. Aber Kinder regulieren sich über uns, sie spüren, wenn wir angespannt sind. Und passen ihren Zustand unbewusst an. Wie Co-Regulation funktioniert und warum sie so wirksam ist, erkläre ich ausführlicher im Beitrag Co-Regulation bei Kindern mit ADHS.

Was wirklich hilft: Das Nervensystem einladen, runterzukommen
Der entscheidende Gedanke ist dieser: Du kannst dein Kind nicht in den Schlaf zwingen. Aber du kannst eine Umgebung schaffen, in der Schlaf möglich wird.
Regulation vor Routine
Bevor es überhaupt ums Einschlafen geht, braucht das Nervensystem einen Übergang. Eine Art Schleuse zwischen dem Tag und der Nacht. Das kann unterschiedlich aussehen. Wichtig ist, dass es für dein Kind funktioniert und jeden Abend ähnlich abläuft.
Manche Kinder brauchen Bewegung zum Abschalten; ein kurzes Toben, Springen auf dem Trampolin, eine Runde durch die Wohnung. Das klingt kontraproduktiv, aber für manche ADHS-Nervensysteme ist Bewegung der schnellste Weg in die Ruhe. Danach kommt dann echte Stille.
Andere Kinder brauchen taktile Erfahrungen: Ein warmes Bad, ein festes Einrollen in eine Decke, eine Massage mit leichtem Druck. Der Körper meldet: Ich bin sicher. Ich bin hier. Ich kann loslassen.
Wieder andere brauchen Stimme und Verbindung: Gemeinsam ein Buch, eine Geschichte. Das schafft Nähe, und Nähe reguliert.
Weniger Licht
Dimme die Beleuchtung mindestens eine Stunde vor dem Schlafen. Kein Blaulicht (Bildschirme, Tablets, Handys) in den letzten 60 Minuten vor dem Bett. Das ist keine Strafe, das ist Biologie. Melatonin braucht Dunkelheit, um zu starten.
Eine feste Abfolge, nicht starr, aber verlässlich
Nicht zehn Schritte. Drei oder vier genügen, aber immer in der gleichen Reihenfolge. Das Gehirn lernt: Wenn das passiert, kommt danach die Nacht. Es schaltet schon um, bevor das Kissen berührt wird.
Beispiel: Zähneputzen → warme Dusche oder Bad → gemeinsam im Bett liegen, kurzes Gespräch oder Geschichte → Licht aus, leise Musik oder Stille.
Deine Ruhe ist der Anker
Wenn du mit angespannten Schultern ins Zimmer gehst und insgeheim schon befürchtest, dass es wieder eine Stunde dauert, überträgt sich das. Nicht, weil du es falsch machst, sondern weil Kinder auf unser Nervensystem reagieren, bevor sie auf unsere Worte hören. Das ist keine Kritik, sondern eine Einladung: Wenn du selbst ein paar tiefe Atemzüge nimmst, bevor du das Zimmer betrittst, kann das mehr bewirken als jede Technik. Wenn du merkst, dass du abends selbst oft am Limit bist, könnte der Onlinekurs Nervenbalance für Eltern genau das Richtige für dich sein. Konkrete Übungen, um dein eigenes Nervensystem in stressigen Momenten schnell wieder zu stabilisieren.
Ich weiss, wie erschöpfend es ist, wenn sich das Einschlafen jeden Abend hinzieht. Wenn du eigentlich selbst dringend Pause bräuchtest. Wenn du lieber einen Moment für dich haben möchtest, aber wieder und wieder gerufen wirst. Was oft als Sturheit oder Manipulation erlebt wird, ist meistens ein Kind, das sich nicht selbst regulieren kann und dich braucht, um das zu lernen. Ähnliches gilt übrigens auch für Wutausbrüche, wie du damit ruhig umgehen kannst, erkläre ich im Beitrag Wutausbruch bei einem Kind mit ADHS.
Für Kinder, die lernen möchten, ihre eigene Anspannung früher wahrzunehmen und besser damit umzugehen, gibt es den Onlinekurs Nervenbalance für Kids, kindgerecht, alltagsnah und auch abends gut einsetzbar.
Je mehr Sicherheit das Kind im Einschlafritual erlebt, desto weniger braucht es dich irgendwann dabei. Das ist aber ein Prozess, der Zeit braucht, doch er funktioniert.

Was du heute Abend ausprobieren kannst
Du musst nicht alles auf einmal verändern. Fang mit einem Schritt an:
- 30 Minuten früher mit dem Abend-Übergang beginnen als bisher
- Bildschirme eine Stunde vor dem Schlafen weglegen, konsequent, nicht als Strafe erklärt, sondern als fester Ablauf
- Einmal tief durchatmen, bevor du das Zimmer betrittst
- Dein Kind fragen: Was hilft dir, runterzukommen? Manchmal wissen sie es selbst und warten nur darauf, gefragt zu werden
Wenn gar nichts mehr geht: Melatonin als Unterstützung
Manchmal reicht das alles nicht. Ihr habt ein Ritual, das ihr jeden Abend macht. Kein Bildschirm mehr am Abend, du bist innerlich ruhig und trotzdem klappt es nicht mit dem Einschlafen. In solchen Fällen kann Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel eine sinnvolle Ergänzung sein.
Melatonin ist kein Schlafmittel im klassischen Sinne. Es macht nicht müde, aber es gibt dem Gehirn das Signal, dass es jetzt Zeit ist, runterzufahren. Genau das Signal, das bei vielen Kindern mit ADHS abends zu spät oder zu schwach kommt. Eine niedrig dosierte Einnahme etwa 30–60 Minuten vor dem Schlafen kann helfen, diesen Rhythmus zu unterstützen.
Wichtig dabei: Melatonin ersetzt das Abendritual nicht. Es funktioniert am besten, wenn das Nervensystem bereits auf Ruhe vorbereitet ist. In der Schweiz ist Melatonin für Kinder verschreibungspflichtig und nicht frei erhältlich. Wenn du das für dein Kind in Betracht ziehst, ist der erste Schritt ein Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt. Sie können einschätzen, ob es sinnvoll ist, und die passende Dosis bestimmen.
Du musst das nicht alleine herausfinden
Wenn das Einschlafen bei euch schon lange ein Thema ist, wenn du das Gefühl hast, dass ihr im Kreis dreht, dann lohnt sich professionelle Begleitung. Nicht, weil etwas falsch läuft, sondern weil ein frischer Blick von aussen oft das sieht, was man selbst von innen nicht mehr erkennt. Im Coaching schauen wir gemeinsam, was dein Kind braucht, was euch als Familie stärkt und wie Abende werden können, die nicht im Kampf enden. Du darfst dich jederzeit bei mir melden.

